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NERVEN 1919: Reaktionen von Publikum und Kritik


Filmstill NERVEN (© Filmmuseum München)


Heute Abend um 20:30 Uhr ist es soweit - endlich können wir die von uns in Auftrag gegebene neue Musik von Richard Ruzicka zum Stummfilm NERVEN in der Kammer 1 der Münchner Kammerspiele uraufführen! 


Bereits bei der Münchner Premiere Ende Dezember 1919 machte der Film Furore, wie u.a. Josefa Halbinger zu berichten wusste: 

„Da ist in München ein Film gelaufen, der hat geheißen Nerven, da ist ein Wahnsinniger vorgekommen. Der Film war – nach meinem damaligen Gefühl – sehr gut. Da sind dann aber einige Leute, die den Film gesehen haben, in die Nervenklinik eingeliefert worden. Danach ist er verboten worden. Ich hab zu meiner Freundin Bettl gesagt: ‚Geh bloß nicht in den Film, der ist dermaßen aufregend!’ Natürlich ist sie erst recht hingegangen. Dann ist sie heim und ins Bett, und dann, mitten in der Nacht, ist sie im Nachthemd auf die Straße hinausgerannt und hat geschrien: ‚Ich sterbe! Ich sterbe! Jetzt sterbe ich!’ Da hat sie auf einmal nach der Schrift geredet.“ (Aus: Josefa Halbinger, Jahrgang 1900: Lebensgeschichte eines Münchner Arbeiterkindes. von Carlamaria Heim.)"


Filmstill NERVEN (© Filmmuseum München)


In der Tat wurde der Film der Zensurbehörde übergeben und die Premierenfassung verboten. Und was sagte die zeitgenössische Kritik dazu? Im folgenden zwei Beispiele, die auch einen guten Eindruck vermitteln, was unser Publikum heute Abend erwartet:


HEINZ SCHMID-DIMSCH, in: Der Film 52/1919, Berlin 28.12.1919:

„Mitten in einer Zeit, da den Nerven alles zugemutet wird, was Menschen ertragen können, da Aufruhr, Hunger, politische und wirtschaftliche Kämpfe die deutschen Lande durchtobten, schuf Robert Reinert, dem wir schon manches schöne Filmwerk verdanken, den Film Nerven! Ein Filmwerk, dessen Bedeutung nicht etwa nur in groß aufgemachten Massenszenen oder Sensationen, in der Ausbeutung aller neuen filmtechnischen Möglichkeiten, sondern vor allem in der dichterischen Gestaltung liegt. Wie aus der Zeit für die Nachwelt erstanden, so mutet dieses Filmwerk, diese Filmdichtung an.Was Reinert in seinem Werke schildert, ist in kurzen Worten nicht zu sagen. Es ist mit Worten überhaupt nicht auszudrücken, es muss empfunden werden. Der Titel lässt keine straff geführte Handlung zu. Das nervenzerrüttende Leben pulsiert, jagt, flackert vorüber. Fieberhaft. In Hunderten von Bildern verschiedenster Art. Nerven - da jagen die zerrütteten Nerven durch ein Schimpfwort gepeitscht einen jungen Gärtner in den politischen Kampf und lassen ihn zum Mörder werden, er weiß nicht warum. Nerven - da schwört ein um seine Machtstellung ringender Fabrikant einen Meineid, weil ihn die zerrütteten Nerven glauben lassen er hätte eine Tat gesehen, die ihm seine Schwester nur erzählt, in kurzen Worten angedeutet hat. Nerven - da bringt ein um Liebe ringendes Weib einem unschuldigen Wesen ungewollt den Tod, weil ihre zerrütteten Nerven sie zu unsinnigen Verzweiflungstaten führten. Nerven - da stürmen aufgepeitschte Menschen aufeinander; sinnlos, den Tieren gleich. Und im Mittelpunkt steht ein nervenstarker gesunder Mensch, der ruhig nimmt, was diese nervenzerrütteten Menschen um ihn herum zusammentragen. Nutzlos ist sein Versuch, sich gegen diesen Strom zu stemmen; da findet er den Weg aus dieser Wirrnis: zurück zur Natur! Es liegt mehr als ein Spiegelbild unserer Zeit in diesem Filmwerk. Es ist ein Fanal, das uns entgegenleuchtet.

Robert Reinert hat sich wieder als erstklassiger Filmregisseur bewährt, sowohl in künstlerischer als technischer Beziehung. In packender überreicher Fülle lässt er die Bilder vorüberziehen, mitunter skizzenhaft, fast zu drängend. Ein expressionistischer Hauch liegt über dem Ganzen, zu dem man sich erst bekennen lernen muss. Mir wird es schwer, für diesen neuen Filmstil einzutreten, wie ich ja auch offen bekennen muss, dass die überreiche Fülle auf mich einen direkt beunruhigenden Eindruck machte.“


Original-Filmplakat zur Berliner Premiere von NERVEN von Josef Fenneker (Deutsche Kinemathek)


HANS WOLLENBERG, in: Lichtbild-Bühne, Berlin, Nr. 4/24.01.1920

„Seit der Erfindung der Kinematographie meint man die künstlerischen Gesetze des Films in dergleichen Richtung suchen zu müssen wie beim Epos, beim Roman. Eine völlig andere Richtung schlägt hier zum ersten Male Robert Reinert ein. Er will durch das Laufbild in ähnlicher Weise künstlerische Werte schaffen wie es die Musik, die Symphonie tut. Nicht in Epik, in eine Geschehnisreihe setzt er inneres Erleben um; symphonisch will er uns einen Seelenzustand, ein Stück Gefühlswelt vermitteln durch nebeneinander gesetzte Bilder, bald symbolisch, bald real, oft beides phantastisch durcheinander gewirbelt. Mit der Sprache des Films, mit Bildern blutiger Straßenkämpfe, Fabrikstädte einäschernder Explosionen, einsame Verzweiflung, wilden Verfolgungswahns, stolzer Schlösser, stummer Hochalpen-Majestät will Reinert, der Künstler, uns das wissen machen, was er beim Klang des Wortes ‚Nerven‘ empfindet. Von dieser künstlerischen Voraussetzung ausgehend, dass wir hier vor einem Film-Tonwerk, nicht vor einem Film-Epos stehen, wird die Handlung, die bei diesem das Entscheidende, durchaus zur Nebensache; sie wird zum schmalen Band, das das Ganze nur lose zusammenhält. Das Publikum ist, wenn es ins Lichtspieltheater geht, natürlich von vornherein auf Epik, also auf eine den Gesetzen von Ursache und Wirkung streng unterliegende Handlung als das Wesentliche eines Films eingestellt; so fand es zu dem Neuen noch kein rechtes Verhältnis.

Und dann die Titel! In manchen Akten hat man mehr zu lesen als zu schauen. Der Buchstabe kann dem Gehirn Tatsachen, Gedankengänge vermitteln; wer Stimmungen schaffen will, darf nur durch Form, Bewegung und Licht wirken.

Die Bilder sind jedenfalls hinreißend schön; Schöpfungen eines Meisters, angesichts deren man von bewunderndem Staunen erfasst wird. Die technischen Leistungen sind einfach fabelhaft, und die Dafrsteller wissen sich durchaus in den Stil des Ganzen hineinzupassen. Alles in allem ist dieses Filmwerk etwas Neuartiges.“ 


NEU ist heute Abend, wie schon gesagt, vor allem die Musik - eine Uraufführung ist ja immer etwas Besonderes, dementsprechend ist bei uns die Vorfreude und zugegebenermaßen auch die Aufregung groß! Also, die NERVEN behalten und TOITOITOI!

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