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Richard Ruzicka über NERVEN und das Komponieren für Stummfilm



So sieht es also aus, wenn Musik für Stummfilm komponiert wird: Richard Ruzicka in seinem Studio. (Foto: Christian Rudnik).

Und so beschreibt Richard Ruzicka den Stummfilm NERVEN und seine Erfahrungen beim Kompositionsprozess: 


"Nachdem ich den Film das erste Mal gesehen habe, wurde mir schnell klar, dass die Handlung von zweitranginger Bedeutung ist. Zentraler war für mich die bedrückende Stimmung und der Zustand, in den Menschen von Krieg und Not gebracht werden. Genau auf dieser psychologischen Ebene wollte ich mit der Musik ansetzen. Mir war es wichtig, dass die Musik unter die Haut geht und man sich in die ausweglosen Situationen besser einfühlen kann, zumal der Film einem durch die alte Ästhetik und das schwarz-weiße Bild heutzutage erstmal sehr fremd erscheint. Es war daher auch eine bewusste Entscheidung, den Film nicht mit traditioneller Stummfilmmusik zu unterlegen, sondern eine ganz neue, modern gedachte Musik zu schreiben, die die Rolle eines psychologischen Kommentars aus heutiger Sicht einnimmt. Dabei arbeite ich auch mit Elementen, die es zu der Zeit des Films noch nicht gab. So verwende ich z.B. zusätzlich zum Kammerorchester noch elektronische Farben oder spiele mit Einflüssen des „Swing“.


Der Auftrag unterscheidet sich insofern von meinen anderen Aufträgen, da die Musik die komplette Vertonung des Films übernimmt. Es gibt im Stummfilm keine Sprache und keine Geräusche. Die Musik allein muss einen auf der auditiven Ebene durch den Film führen und muss es trotzdem schaffen, dabei nicht unnatürlich aufgesetzt zu wirken. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es keine Ansprechpersonen gab, die bei dem Prozess mitgesprochen haben, wie zum Beispiel der Regisseur. Die dramaturgische Idee und Wirkung der Musik war also komplett mir überlassen. Man kann auf diese Weise den Film in jede beliebige Richtung steuern.

Die Besetzung habe ich anfangs mit Daniel Grossmann festgelegt. Hinzu kam die Entscheidung, als Kontrast zur akustischen, musikalischen Welt, eine vorproduzierte und vom Band abgespielte elektronische, eher geräuschhafte Gegenwelt zu schaffen.


Anfangs habe ich den Film sehr genau analysiert und gegliedert. Während des Kompositionsprozesses habe ich aber diese Herangehensweise verworfen und gemerkt, dass ich mit dieser doch sehr ausgefallenen Dramaturgie des Films anders umgehen muss. Und zwar intuitiv und affektvoll, analog zur triebgesteuerten, überraschenden Handlungsweise der Figuren."


Und am 9.4. um 20:30 Uhr ist es endlich soweit - kommt in die Münchner Kammerspiele und lauscht der musikalischen Uraufführung zum Stummfilm NERVEN. Mehr Infos und Karten gibt es hier.

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