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200 JAHRE J. OFFENBACH: Operette 4.0 – wie arbeitet Dennis Metaxas?


Am  Samstag, 9.2. ist es endlich soweit – wir lassen Jacques Offenbach hochleben und erwecken in der Kammer 1 der Münchner Kammerspiele zwei seiner sehr selten aufgeführten Operetteneinakter zum Leben: OYAYAYE und POMME D`API.

Und dass dies kein gewöhnlicher Operettenabend wird, dafür sorgt Regisseur und Videokünstler DENNIS METAXAS, der seit Beginn der Spielzeit als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen engagiert ist und derzeit auf Hochtouren an seinem Video-Horrortrip zu unserem Offenbach-Abend arbeitet – und hat dabei auch noch etwas Zeit gefunden, uns über seine Arbeitsweise und seine Vorbilder zu erzählen.


Operette 4.0: Zwei Bilder ... 


Wie arbeitest Du?

DM: Eigentlich gibt es nicht so viel über die Art und Weise wie ich arbeite zu sagen. Ich finde ein Thema, das mich interessiert, – oder es wird an mich herangetragen – und dann arbeite ich daran, rein assoziativ. Ich montiere Bilder aneinander. Eigentlich reagiere ich auf die Bilder, die ich im Moment der Arbeit vor mir sehe. Ich entwickle fast alles im Augenblick. Für mich ist alles Material: meine Wut, meine Traurigkeit, meine körperliche Anwesenheit. Im Moment der Arbeit funktioniere ich fast wie eine Maschine, die ohne Ende im roten Bereich arbeitet. Dann sortiere ich die Bilder der Überlastung. Ich weiß meistens nicht, wo ich angefangen habe, auch nicht, ob es ein klares Ende gibt. Drehbücher und Plots sind eher etwas für Hollywood, jedenfalls ergeben sie für meine Arbeit keinen richtigen Sinn. Da bin ich auf der Seite der Filmemacher Dziga Vertov und Yelizaveta Svilova. Das Material für meine Arbeit steht immer vor mir, ich muss mir gar nichts ausdenken. Wie ich arbeite ist also weniger eine Frage der Fantasie, sondern vielmehr eine Frage des Muts zum Angreifen und Umformen des vorhandenen Materials.


Du erwähntest die beiden sowjetischen Experimental-Filmemacher Vertov und Svilova. Gibt es noch weitere Vorbilder, die Dein Denken über Theater, Deine Arbeit am Theater beeinflussen?

DM: Meine größte Inspiration ist wahrscheinlich Eugène Ionesco. In seinen theoretischen Theatertexten schreibt er, wie unangenehm es ihm war, im Zuschauerraum zu sitzen, wie verblödet er sich dabei vorkam. Wie er sich durch die Darbietung auf der Bühne persönlich beleidigt fühlte. Das kann ich nachvollziehen. Dieses Begehren nach „Verwandlung“, versuche ich seit Jahren zu begreifen. Ich mag es, wie sich Ionesco über die bürgerliche Maske, die Konventionen des Theaters lustig macht.

Dabei muss ich sofort an Anton Tschechow denken, an seine Figuren, die immer vor der Vernichtung stehen und trotzdem großes Theater spielen wollen. Ich finde es witzig, dass alle Figuren in der Möwe, die sich so ernst nehmen in ihrer Dopplung („die Bühne auf der Bühne“), keine Ahnung haben, was 1918 für sie bedeuten wird. Alle (Vor-)Zeichen sind da, aber keiner kann sie interpretieren. Und diese Bitterkeit in den Figuren. Eigentlich sind das alles Tote auf der Bühne, sie haben etwas Gespensterhaftes an sich – wie bei Ionesco. Sie verbrennen Zeit durch sinnloses Gelaber und übertriebene Aktionen, damit die Sekunden vergehen. Aber eigentlich sind sie tot. Gewalt ist ebenso ein Thema bei den beiden – und auch in meiner Arbeit. Die Gewalt der Wiederholung, dieser unerträgliche Stillstand. Im Grunde mache ich nichts anderes, als die Bilder der Gewalt zu sortieren. Gewalt zu komponieren.


... aus der Materialsammlung von Dennis Metaxas


DENNIS METAXAS wurde 1987 in Athen geboren, studierte zunächst Mathematik in seiner Geburtsstadt, ging dann nach Berlin, wo er an der HfS Ernst Busch sein Schauspielregie-Studium abschloss. Er realisierte Projekte mit der freien Gruppe voidcompany, das bat-Studiotheater zeigte seine Inszenierungen Kabale und Liebe / Die letzte Generation, Möwe, Gespenster und Nach Venus Liebe Terror. Sein Text Nach Venus Liebe Terror produzierte der Deutschlandfunk als Hörstück. Seit September 2018 arbeitet Dennis Metaxas als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen. (http://dennismetaxas.com)

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