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200 JAHRE JACQUES OFFENBACH


Jacques Offenbach, einer der bekanntesten und vielseitigsten deutschen Komponisten wird 200! Anlass genug diesem Ausnahmekünstler einen Abend zu widmen (200 JAHRE JACQUES OFFENBACH am 9.2.19 in der Kammer 1 der Münchner Kammerspiele) - und natürlich auch einige Blog-Beiträge.

Jacques Offenbach fasste das atemraubende Tempo seiner Zeit in galoppierende, champagnertrunkene, (aber)witzige Musik, die auf den ersten Blick jegliche Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten seiner Zeit ausspart, um diese auf den zweiten Blick umso deutlicher aufscheinen zu lassen. So wie damals die Eisenbahn ganz Europa miteinander verband, wie die Telegrafenkabel die ganze Welt miteinander vernetzte, so traten seine ureigene Erfindung, die „Offenbachiade“, seine bissigen Satiren, seine Ohrwurm-Melodien den Siegeszug rund um den Erdball an. Jakob „Köbes“ Offenbach, Sohn eines jüdischen Kantors und einer Laiensängerin, vor 200 Jahren hineingeboren in eine musikalische und bildungsreiche, aber materiell ärmliche Familie, zugleich ein Kind der „mondialisation“, ein Global Player des Musikmarkts des 19. Jahrhunderts. Stammkunde bei der Eisenbahn, immer in Bewegung. Nichts konnte ihn aufhalten, nicht sein Jüdischsein oder sein nicht der Norm entsprechendes Äußeres, nicht seine Zerrissenheit und Heimatlosigkeit, die beruflichen Rückschläge. Auch der spätere Erfolg machte ihn nicht müde und ebenso wenig die Gicht, die ihn die letzten Jahre plagte. Er gab nicht auf, fand Wege und Mittel, konvertierte 1844 zum Katholizismus, um seine geliebte Hermine d'Alcain heiraten zu dürfen, gründete 1855 sein eigenes Théatre des Bouffes-Parisiens, was ihm zum beruflichen Durchbruch verhalf, 1860 dann die französische Staatsbürgerschaft – voilà, eine neue Identität. Offenbach komponierte rund 650 Werke verschiedenster Genres, rauschhaft, bis zur finalen Erschöpfung am 5. Oktober 1880, als er während der Arbeit an seiner wohl bekanntesten Oper Les contes d'Hoffmann verstarb. Jacques Offenbach und seine Musik vereinen unvereinbare Seiten: ­Offenbach ist treuer Komplize und respektloser Kritiker des Systems; seine Musik ist Ausdruck dieser ambivalenten Existenz.

Bei Oyayaye, ou La Reine des Îles geht es Offenbach um das Verhältnis von Künstler*innen und Publikum, um die Abhängigkeit, um das „Gefressen werden“, wenn man nicht gefällt und zu unterhalten versteht. Offenbach hat sich bei der Darstellung der Publikums-Seite für eine wilde Frau entschieden, die zwar Racle-à-mort mit dem Supentopf droht, dennoch als ziemlich passive Figur beschrieben werden muss. Entweder gibt sie onomatopoetische Laute von sich, oder sie liest ab von einem Zettel, den ihr der Kontrabassist in die Hand gibt. Die Ermächtigung zum Sprechen bzw. Singen erhält sie also größtenteils vom Künstler, von der europäischen Zivilisation. In Pomme d'api geht es u.a. um die Ware Liebe und die Macht des Geldes. Die Personage: ein alter, reicher Mann, der sich alles erlaubt, eine junge, scheinbar naive Frau, die sich „rotbackiges Äpfelchen“ nennen lässt und – wieder – ein armer Künstler, diesmal ein Maler. Nach heutigem Theaterverständnis fällt es mehr als schwer, solche Plots 1:1 und unkommentiert auf der Bühne abzubilden.

Als Reaktion auf die beiden Offenbach-Einakter beschäftigt sich Regisseur und Videokünstler Dennis Metaxas mit den Folgen des Kolonialismus – u.a. Rassismus, Wohlstand, das Wegschieben bis Negieren von Verantwortung – bis heute in unseren Wohnzimmern breit machen. Offenbachs heiterer Champagnerrausch ist inzwischen dem Delirium Tremens gewichen. Metaxas' Sprache sind Bilder, entnommen seiner Alltagswelt: Bilder der Gewalt, der Wiederholung, des Stillstands, der Überlastung … , assoziativ gesammelt, sortiert, komponiert. Für ihn ist die konsequente ästhetische und thematische Übersetzung der Offenbach-Einakter ins Heute ein Video-Horrortrip über Kolonialismus und in die Untiefen der virtuellen Welt – Operette 4.0!

Mehr zu unserem ganz besonderen Jacques-Offenbach-Abend, zu Dennis Metaxas - zu seiner Person und seiner Arbeitsweise - gibt es demnächst!

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