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Die Zemlinskys - ein Melting Pot der Religionen

Wenn man sich mit Alexander Zemlinskys religiöser Herkunft auseinandersetzt, kann einem schon mal kurz schwindlig werden – immerhin lassen sich drei der fünf Weltreligionen ausfindig machen:


Der Großvater Anton Semlinsky entstammt einer katholischen Familie aus der näheren Gegend um Zsolna (damals ungarisch, heute das nordslowakische Žilina). Er war einer von vielen Juden, die ihr Glück in Wien versuchten und sich im zentrumsnahen und zugleich erschwinglichen 2. Bezirk, der Leopoldstadt, niederließen. 1845 wurde dort Adolf von Zemlinszky geboren. Die Änderung von der slawischen in die ungarische Schreibweise sowie die Einfügung des Adelsprädikats – ob authentisch oder hinzuerfunden konnte bisher nicht abschließend geklärt werden – hatte Adolf in jungen Jahren selbst vorgenommen; er erhoffte sich dadurch einen besseren Start für seine Schriftstellerkarriere.

1870 lernte Adolf von Zemlinszky Clara Semo kennen. Im selben Jahr konvertierte er zum jüdischen Glauben. Claras Vater war Schem Tov Semo, ein türkischstämmiger Jude, Journalist, Weltenbummler und Gelehrter. Als Anhänger der Haskala und der kulturellen Assimilierung heiratete er ein Muslimin und ging mit ihr nach Sarajevo – Claras Geburtsort sowie die Stadt, die von serbischen Katholiken, bosnischen Muslimen und sephardischen Juden über Jahrhunderte hinweg konfliktfrei bewohnt worden war. Nach Wien ging Familie Semo in den 1860er Jahren. Zusammen mit seinem Bruder Alexander gründete Semo den El Correo de Viena, eine sephardische Monatszeitschrift, die nicht nur in Wien, sondern auch in Istanbul und anderen jüdischen Enklaven Südeuropas und dem Balkan gelesen wurde.
Am 8. Juli 1870 trat Adolf von Zemlinszky aus der katholischen Kirche aus und wurde – Religionsunterricht, Beschneidung und Erhalt des heiligen Namen Aharon ben Avraham inklusive – am 20. November in die türkisch-israelitische Gemeinde Wiens aufgenommen. Im Januar 1871 folgte die Heirat von Alexander von Zemlinszky und Clara Semo in der sephardischen Synagoge. Und es war dieses Ereignis, das seine Karriere als Schriftsteller und Journalist vorantreiben sollte, nicht die vorher erwähnte Namensänderung: Denn kurz darauf begab sich Schem Tov Semo wieder auf Reisen und übergab seinem Schwiegersohn die Redaktion des Correo; 1872 kam das Amt des Gemeinde-Sekretärs hinzu. Und so wurde Adolf von Zemlinszky zu einem festen und einflussreichen Bestandteil der Wiener sephardischen Gemeinde und nannte sich fortan Schriftsteller.


Und so kam es auch, dass Alexander Zemlinsky am 14. Oktober 1871 als Vierteljude geboren wurde und das nicht wie für einen im deutschsprachigen Raum lebenden Juden üblich als aschkenasischer, sondern als sephardischer Jude.
Während sein Vater aus Überzeugung vom Katholizismus zum jüdischen Glauben konvertiert ist, macht Alexander Zemlinsky selbst den gegenteiligen Schritt. Er trat um 1906 zum Protestantismus über – nicht aus Überzeugung, auch nicht aus einer väterlichen Anti-Haltung heraus, sondern: „Christ zu sein war einfach bequemer“, wie Antony Beaumont kurz und bündig in seiner umfassend gut recherchierten Zemlinsky-Biographie feststellt.
Die jüdische Kultur und das damit verbundene Lebensgefühl sind Zemlinsky eingeschrieben. Er ist in einem durch und durch jüdischen Milieu aufgewachsen, besuchte eine jüdische Grundschule, spielte Orgel in der Synagoge; seine beiden Frauen, Ida und Louise, waren jüdischer Abstammung, ebenso wie die meisten seiner Kollegen und engeren Freunde, allen voran die beiden Komponistenkollegen Arnold Schönberg und Gustav Mahler.

Die Musik Alexander Zemlinskys fristete bis in die 1980er Jahre hinein ein Schattendasein. Zurück ans Licht brachte es das LaSalle Quartet durch die CD-Einspielung vier seiner Streichquartette.
Als kleine Audio-Einführung in  unser nächstes Konzert am 20. April sei an dieser Stelle das 2. Streichquartett op. 15 empfohlen, gespielt natürlich vom LaSalle Quartett. Im Konzert steht dann Zemlinskys Kammersymphonie auf dem Programm, komponiert nach eben diesem Streichquartett Nr. 2.

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